In Südkorea locken Voice-Phishing-Banden zunehmend Menschen in finanzieller Not in ihre Netze und machen sie zu Mittätern. Anstatt Verdächtige von Beginn an zum Abholen von Bargeld zu instruieren, tarnt sich die Szene als seriöser Kreditvermittler oder Arbeitgeber für „einfache Botengänge“. Unter dem Vorwand, die Kreditwürdigkeit zu erhöhen oder eine harmlose Aushilfstätigkeit zu vergeben, beginnen die Aufträge mit Überweisungen kleiner Beträge, dem Weiterleiten von Unterlagen oder der Abholung von Sendungen – und steigern sich schrittweise zu Transfers in Millionenhöhe (in Won) oder zur Bargeldübergabe.
Nach Angaben der Ermittlungsbehörden werben die Gruppen dauerhaft über Jobportale, soziale Netzwerke und Messenger mit Schlagworten wie „hochbezahlter Nebenjob“, „Forderungseinzug“, „Kreditmittel-Weiterleitung“ oder „Kundenzahlung einziehen“. Die Polizei weist seit Längerem darauf hin, dass es für reguläre Unternehmen höchst ungewöhnlich ist, große Geldsummen an Personen ohne formelles Auswahlverfahren zu übergeben.
Die Masche hat sich verfeinert: Betroffene werden zunächst mit der Zusage eines Kredits kontaktiert. Unter dem Deckmantel, Bonität und „Transaktionshistorie“ verbessern zu müssen, sollen sie ihr Konto nutzen, Kryptowährungen wie Bitcoin oder Tether kaufen und an vorgegebene Wallets transferieren. Anfangs fließen kleine „Aufwandsentschädigungen“, die Seriosität suggerieren. Danach folgen wiederholte Bewegungen im sechs- bis siebenstelligen Won-Bereich. Manche Banden rekrutieren sogar bereits Geschädigte erneut: Wer Geld an Betrüger verloren hat, wird mit der Aussicht auf einen neuen Kredit als Bargeldabholer eingespannt – und leitet fortan Gelder anderer Opfer weiter.
Vor Gericht ist der Einwand „Ich wusste nicht, dass es Betrug ist“ nur eingeschränkt tragfähig. Das Oberste Gericht Südkoreas stellte im Dezember 2024 klar, dass bei der Frage nach Vorsatz eine Gesamtschau geboten ist: Kommunikationsweg mit den Hintermännern, das Vorliegen eines regulären Arbeitsvertrags, Üblichkeit der Tätigkeiten, Höhe und Frequenz der Einzüge, Art der Übergabe sowie das Verhältnis der Vergütung zur Aufgabe sind maßgeblich. Auch wer die Gesamtstruktur nicht durchschaut, kann sich strafbar machen, wenn er die Möglichkeit erkennt und billigt, Teil eines Voice-Phishing-Delikts zu sein.
Die Rechtsprechung fällt entsprechend streng aus, wenn unplausible Arbeitsanweisungen hingenommen und wiederholt Bargeld eingesammelt wird. Ein Gericht in Changwon verurteilte im Juli einen Mittzwanziger zu einem Jahr und sechs Monaten Haft, weil er als „Bargeldläufer“ einer angeblichen Niedrigzins-Umschuldung insgesamt 146,3 Millionen Won weiterleitete. Verschärfend wirkte, dass der Angeklagte trotz Zweifeln mehrfach mitmachte. In einem weiteren Fall wurde ein Angeklagter schuldig gesprochen, der glaubte, in einer „Immobilienfirma“ zu arbeiten, tatsächlich aber hohe Scheckbeträge bei Opfern einholte – schon der Bewerbungsprozess ohne persönliches Gespräch oder Bonitätsprüfung und die realen Aufgaben wichen klar von normaler Büroarbeit ab. Es gibt jedoch auch Freisprüche, wenn angesichts sozialer Unerfahrenheit, irreführender Erklärungen und der konkreten Abläufe nicht nachweisbar ist, dass der Betroffene die Illegalität hätte erkennen müssen. Entscheidend sind Warnsignale – und ob trotz solcher Hinweise weitergemacht wurde.
Als neue Geldwaschroute nutzen Täter vermehrt Kryptowährungen. Wer aufgefordert wird, Geldeingänge auf dem eigenen Konto in Krypto zu tauschen und an fremde Wallets zu senden, sollte höchste Vorsicht walten lassen. Seriöse Finanzdienstleister oder Kreditvermittler verlangen im Rahmen einer Kreditprüfung weder die Weiterleitung fremder Gelder noch Kryptoankäufe. Gleiches gilt für Forderungen, zur „Kreditfreischaltung“ Konten, Telefone oder Ausweisdokumente zu überlassen.
Die Polizei rät dringend, weder Bargeld für Unbekannte zu transportieren noch Konten oder Smartphones „auszuleihen“. Auch ein Fall aus März 2026 zeigt die Praxisnähe: Ein Abholer wurde beim Versuch festgenommen, bei einem Opfer größere Summen zu kassieren; er verteidigte sich als angeblicher Aushilfsarbeiter. Der gefährlichste Indikator bleibt der Geldfluss: Überweisungen von Fremden mit der Anweisung zur Weiterleitung – ob auf andere Konten oder in Krypto – sowie Bargeldabholungen an anonymen Treffpunkten sind klare Alarmsignale.
Die Täter setzen gezielt auf die Notlage von Menschen. Wer sich auf Versprechen wie „schnell Geld verdienen“ oder „Kredit gegen einfache Erfüllung von Bedingungen“ einlässt, riskiert, vom Geschädigten zum Mittäter zu werden – und trägt dazu bei, dass neue Opfer entstehen. Ein kritischer Blick auf Auftrag, Auswahlprozess und vor allem auf die Wege des Geldes ist daher die wichtigste Verteidigungslinie.

