Südkorea diskutiert neue Regeln zur Nutzung von Rolltreppen nach Jahrzehnten traditioneller Anordnung

30년 습관 ‘한 줄 서기 바뀔까…정부 에스컬레이터 두 줄 이용 다시 꺼냈다.png

Die südkoreanische Regierung nimmt einen neuen Anlauf, das seit Jahrzehnten eingeübte Verhalten auf Rolltreppen zu verändern: Aus Gründen der Unfallprävention soll das Prinzip „zwei Reihen – beide stehen“ wieder als Leitkultur etabliert werden. Damit rührt sie an eine fest verankerte Alltagsroutine, nach der in Stoßzeiten eine Seite zum Stehen, die andere zum schnellen Gehen freigehalten wird. Der Vorstoß ist bewusst als offene Debatte angelegt – mit dem erklärten Ziel, Sicherheit, tatsächliche Nutzungsgewohnheiten und technische Aspekte gemeinsam zu betrachten, bevor politische Vorgaben gemacht werden.

Konkret lädt das Innen- und Sicherheitsministerium am 29. dieses Monats zwischen 13 und 17 Uhr zu einer öffentlichen Diskussionsrunde an die Yonsei-Universität in Seoul ein. Bürgerinnen und Bürger, Fachleute und Behörden sollen dort Ursachen von Unfällen, empirische Verhaltensmuster, Fragen der Anlage- und Instandhaltungstechnik sowie mögliche Reformoptionen erörtern. Ein fertiges Antwortschema – „eine Reihe“ oder „zwei Reihen“ – will die Regierung nicht vorgeben; stattdessen sollen Risiken und praktikable Regeln mit gesellschaftlicher Akzeptanz abgeglichen werden.

Der Kurswechsel ist nicht neu, sondern Teil einer längeren Pendelbewegung: Ende der 1990er Jahre wurde das „eine-Reihe“-Prinzip beworben, um zügige Passagen zu erleichtern; rund um die Fußball-WM 2002 setzte es sich landesweit durch. Als Sicherheitsbedenken und ungleichmäßiger Verschleiß der Anlagen zunahmen, starteten Behörden 2007 eine Kampagne für „zwei Reihen“. Mangels breiter Resonanz und wegen anhaltender Kontroversen wurde sie 2015 wieder eingestellt. Nun, gut ein Jahrzehnt später, rückt die Regierung die Sicherheitsargumente erneut in den Vordergrund.

Daten aus dem Bereich der Aufzugs- und Rolltreppensicherheit stützen die Neubewertung. Zwischen 2016 und 2025 wurden 135 schwere Rolltreppenunfälle registriert; in 90 Fällen (66,7 Prozent) lag Nutzerfehler zugrunde. Von diesen Vorfällen entfielen rund 77,8 Prozent auf Stürze, überproportional häufig betroffen waren Menschen ab 65 Jahren. Problematisch sind vor allem Situationen, in denen stehende Personen abrupt ausweichen, weil von hinten Gehende passieren wollen – ein Moment, in dem Gleichgewicht leicht verloren geht. Auch Kollisionen beim Gehen oder gar Laufen auf der fahrenden Treppe gelten als Risikofaktor. Das konsequente Stehen auf beiden Seiten würde solche Dynamiken reduzieren.

Neben dem Personenschutz verweist die Regierung auf technische Belastungen durch asymmetrische Nutzung. Eine ministerielle Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Bauteile auf der bevorzugt genutzten rechten Seite – etwa Kettenräder und Führungsleisten – einen um mehr als 95 Prozent höheren Verschleiß aufweisen. Der Zeitraum bis zu umfangreichen Reparaturen könne sich dadurch um 15 bis 20 Prozent verkürzen. Gleichmäßiges Stehen beiderseits würde die Beanspruchung verteilen und Wartungszyklen potenziell strecken.

Ob sich das im Alltag durchsetzen lässt, bleibt offen. Gerade in Umsteigesituationen der U-Bahn ist der freigehaltene „Überholstreifen“ für viele Pendler zur verinnerlichten Effizienzstrategie geworden. Die Behörden setzen daher nicht auf sofortige Kontrollen oder Bußen, sondern auf Aufklärung und Konsensbildung. Das angekündigte Forum soll die Frontstellung „schnell gehen versus sicher stehen“ überwinden und praktikable Regeln identifizieren, die Nutzerinnen und Nutzer mittragen.

Die Debatte berührt Grundfragen der öffentlichen Ordnung: Wie weit dürfen Sicherheitsziele in gewachsene Alltagspraktiken eingreifen? Welche Rolle spielt die technische Integrität von Infrastrukturen in der Verhaltenslenkung? Und wie entsteht gesellschaftliche Akzeptanz jenseits formaler Vorschriften? Antworten darauf entscheiden darüber, ob aus einer Kampagne nachhaltige Kultur wird oder ob der Status quo fortbesteht.

Für internationale Metropolen, die gleichermaßen mit Dichte, Takt und Sicherheitsansprüchen ringen, ist das südkoreanische Ringen exemplarisch – auch wenn hierzulande keine direkten Konsequenzen anstehen. In Seoul steht zunächst das Gespräch im Vordergrund. Ob daraus verbindliche Regeln erwachsen, wird davon abhängen, ob sich das Versprechen größerer Sicherheit im Alltag plausibel vermitteln und im dicht getakteten Pendlerverkehr praktisch umsetzen lässt. Klar ist: Ohne breite Mitwirkung der Nutzer bleibt jede Rolltreppenregel Theorie.